Solofahrt

Traurig schaue ich den in der einsetzenden Dunkelheit verschwindenden Rücklichtern des Taxis hinterher. Da sitzt sie, meine geliebte Familie, im Trockenen, auf dem Weg nach Tai’an.

Aber von Konfuzius habe ich ja gelernt, dass ich als Familienoberhaupt hier Verantwortung übernehmen muss und setze mich wieder auf den nassen Sattel. Noch hält die Regenhose.

Nach ein paar Kilometern hört der Regen dann auf. Rote Schriftzeichen spiegeln sich in den Pfützen. „Spezialitäten aus Sichuan“, „Supermarkt des Glücks“, „Reifenwechsel und Schweißarbeiten“ kündigt die Leuchtreklame an. Manchmal wünschte ich mir, kein Chinesisch zu können, dann wären die Schriftzeichen einfach nur schön und weniger profan! Aber auch so bessert sich meine Laune deutlich. Kein Regen, eine leidlich gute Nebenstraße fast ohne Verkehr. Als ich den Ort verlasse, fahre ich in eine malerische Allee, die bis zum Horizont zu reichen scheint. Erstaunlich mild ist der Abend und ich sing mir eins.

„I am biking in the rain, just biking in the rain…!“ zur Melodie von „Walking in the Park“. Gibt’s das Lied wirklich? Egal, es kommt mir immer in den Sinn, wenn ich radle und es regnet und ich mich nicht darüber aufregen möchtee.

Dann erklingt „Summertime“ in der Version von Miles Davis. Mein Klingelton.

„Hi Volker!“, meldet sich Zornica. „Du musst auf die Hauptstraße fahren!“ Sie klingt fast schon wie die vielen chinesischen Fahrer, die uns am liebsten auf die Autobahn schicken würden, weil die so schön breit ist. „Unter keinen Umständen, die Nebenstraße ist super!“ „Unser Fahrer sagt, die Nebenstraße geht nicht!“ „Klar sagt er das, das sagen sie immer!“, erwidere ich leicht genervt. Ich möchte weiter Allee fahren. „Baustelle!“, ruft Zornica, „von der nächsten Stadt bis nach Tai’an!“ „Die ganze Strecke?“ Zornica fragt beim Fahrer nach. „Ja, die ganze Strecke!“

Fünf Kilometer lang genieße ich noch die Allee, dann kündigt eine Barriere die Baustelle an. Ich biege auf einen achtspurigen Zubringer, der in einem gewagten Viadukt auf die Staatsstraße führt. Schon von der Brücke höre ich das Röhren der LKW-Motoren. Die Strecke soll ich nun noch 50 Kilometer fahren?

Im Dunkeln?

„OK, wenigstens bis zum nächsten Hotel fahre ich noch!“, sage ich mir und gebe Gas. Brause mit guten 25 Stundenkilometern in Richtung Tai’an. Windböen beuteln mich. Einmal erwischt mich eine Böe unvorbereitet von rechts und ich verliere fast die Balance. Glücklicherweise rauscht in diesem Moment ein LKW an mir vorbei und der Fahrtwind bringt mich wieder in die Gerade. In einem Comic hätte das sicherlich lustig ausgesehen!

Nach 20 Kilometern habe ich genug. Zornica ruft an: Sie ist mit den Kindern im Hotel angekommen, es sei sehr schön und ich sollte auf jeden Fall versuchen, es heute noch bis Tai’an zu schaffen.

Würde ich schon gerne! Aber noch 20 Kilometern unter diesen Bedingungen? Allerdings: Ein Hotel habe ich auch noch nicht gesehen! Auf eine weitere Nacht ohne Familie habe ich sowieso keine Lust!

Also quäle ich mich weiter, bis nach weiteren zehn Kilometern die Stadt auftaucht. Besser gesagt die üblichen Vorboten. Die Straße wird besser und breiter. Plötzlich gibt es reflektierende Straßenmarkierung. Hochhausviertel schießen auf beiden Seiten in die Höhe. Eines der Häuser ist ein Hotel.

Jetzt bin ich soweit gekommen, da schaffe ich es auch noch bis zu meiner Familie! Zehn Kilometer noch! Denke ich. Noch einmal recht abbiegen, dann nochmal rechts, dann links: Ich stehe vor einem bewachten Tor mit Stacheldraht.

„Hier müsste doch die Straße sein!“, erzähle ich dem Pförtner.

„Hier war sie auch noch vor einem halben Jahr!“, gibt der trocken zurück.

Einen Kilometer zurück, links abbiegen, dann bin ich wieder auf dem Weg. Auch eine weitere Baustelle meistere ich mit Bravour, indem ich die sechs Straßenarbeiter, die gerade Schichtende haben, einspanne, die Familienkutsche über einen tiefen Graben zu heben.

Nur noch am Bahnhof vorbei, auf die Prachtstraße des „Ostberg-Tempels“ abbiegen, schon bin ich da.

Der Pförtner unseres Hotel sieht mich und ruft mir unfreundlich zu: „Hier haben wir keinen Platz für ein Fahrrad!“

Ein kurzer Blick von mir reicht, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Fünf Minuten später ist die Familienkutsche sicher geparkt und die Familie liegt sich in den Armen.

Es ist 21:00 Uhr.

2 Comments:

  1. Ihr Lieben,

    Haben gerade einen -wahrscheinlich ganz kleinen- Teil Eures Berichtes gelesen, sehr spannend und recht abenteuerlich, allerdings schon drei Wochen zurück.
    Sicher werden wir Euch bald wieder hier bei Athena treffen, wir sind etwa Pfingsten wieder in Berlin.
    Noch alles Gute und Gesundheit und keine größeren Probleme
    Dieter und Kerstin

  2. Volker Häring

    Hallo ihr beiden!
    Herzlichen Dank für die guten Wünsche! Wir sind inzwischen ein gutes Stück weiter, haben fabelhaftes Wetter aber leider immer noch gesundheitliche Probleme! Wird aber werden!

    Sind ab dem 06. Juni wieder in Berlin und wahrscheinlich an dem Abend auch bei Athena!

    Liebe Grüße aus Bayujuanqu (viel Spass beim auf der Karte suchen! 😉 ),

    Volker+Familie

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