Riding the second saddle (Deutsch)

„Guck mal, ein Tandem!“

Selbst in einer radmüden Stadt wie Berlin, deren Bewohner längst an alle radtechnischen Modeexzesse gewohnt sind, zaubert der Anblick eines Pärchens auf einem Tandem sogar dem frustriertesten Autofahrer im Stau ein Lächeln auf die Lippen. Tandems lösen etwas in den Menschen aus und stimmen sie versöhnlich. Vielleicht ist es die Vorstellung eines jungen Liebespaars, das zusammen durch blühende Felder fährt, in Liebe auf dem einen Fahrrad vereint.

Nach fünf Jahren Erfahrung auf dem Tandem kann ich mit Fug und Recht behaupten: Radeln mit dem Tandem ist keine Fahrt auf rosa Wolken! Es ist der ultimative Test einer jeden Ehe. Du denkst, dass das wöchentliche Aufsammeln dreckiger, über die Wohnung verteilter Socken, der Flirt deines Mannes mit der Rothaarigen auf der letzten Party, die verdächtige SMS, die er letzte Nacht bekommen hat, ein Grund für eine Ehekrise ist? Dann warst Du noch nie auf dem hinteren Sitz eines Tandems!

Man sagt, dass es zwei Dinge gibt, die das Tandemfahren erschweren: Die Frage, wer vorne sitzt und die Synchronisation des Trittrhythmuses. In der Theorie war es uns in die Wiege gelegt, das harmonischste Pärchen zu sein, das je auf einem Tandem saß. Quasi eine Nicht-Radfahrerin, war ich mehr als froh, das Steuern in Volkers erfahrenen und geschickten Hände zu legen. Und was den Trittrhythmus angeht: Ich hatte einfach keinen! Konnte also seinem Rhythmus folgen, mich auf dem hinteren Sitz entspannen und die Landschaft genießen! Aber dann: „Du trittst nicht!“, kommt es von vorne. Natürlich trete ich, so stark, dass meine Knie schmerzen! „Ich trete!“, schreie ich zurück, atemlos. „Ich mache hier die ganze Arbeit!“ kommt die Antwort von vorne. And here we go…

Unsere Tandemscharmützel drehen sich nicht nur um die Frage, wer wie dazu beiträgt, dass sich unsere Familienkutsche nach vorne bewegt. Einige berühren direkt die Grundfesten einer jeden Beziehung: Die Frage des gegenseitigen Vertrauens.

Eine typische Situation in der morgendlichen Rushhour auf dem Weg zur Arbeit: Mein eingeschränktes Gesichtsfeld hinter Volkers Schultern lässt mich potentiell gefährliches Situation eingeschränkt und verzerrt wahrnehmen. Aus den Augenwinkeln sehe ich ein rotes Schimmern. „Rot!“, entfährt es mir, ehe ich merke, dass dies die Fußgängerampel ist. Zu spät! „Du vertraust mir nicht!“, kommt es von vorne und schön sind wir mitten im Streit.

Wenn man auf dem hinteren Sattel eines Tandems sitzt, die Hände auf einem Lenker, der sich nicht bewegen lässt, hat mein keine Chance zu reagieren. Man kann nicht zurückfahren, wenn man wütend ist, kann nicht einfach eine andere Straße nehmen, kann noch nicht einmal bremsen! Sicherlich, man kann darauf bestehen, abzusteigen. Nur dass man dann verloren im Nirgendwo steht. Es bleibt also nichts anderes übrig, als weiterzufahren, verbunden „in guten und in schlechten Zeiten“ mit einer gemeinsamen Fahrradkette.

Glücklicherweise gibt es festgeschriebene physikalische Regeln des Systems Tandem. Das erste Gesetz der Tandemdynamik: Ärger, dem System hinzugefügt, wird umgesetzt in reine kinetische Energie. In der Praxis heißt das, um so angepisster ich werde, desto schneller trete ich in die Pedalen – und desto schneller bewegt sich unser Tandem nach vorne. Paradoxerweise hat sich der Ärger, wenn wir das Kulturforum erreicht haben, durch die muskuläre Anstrengung und die Geschwindigkeit in Nichts aufgelöst. Nur hat Volker sehr schnell verstanden, was das Tandem antreibt und es sich angewöhnt, eine ärgerliches Ereignis, wie eine abgelehnte Bewerbung oder eine ungerechtfertigte Rezension zu erwähnen, nur um meine Pedalkraft zu erhöhen.

Und so sausen wir durch Berlin, angetrieben von Ärger und Liebe, von Zeit zu Zeit begleitet vom Jammern oder Singen unserer Kinder in der Zweisitz-Verlängerung unseres Tandems.

Nicht dass ich aus freiem Willen auf dem hinteren Sitz eines Tandem gelandet wäre. Mir blieb kaum etwas anderes übrig! Zu Zeiten, als Volker bereits mit seinem Fahrrad durch die Straßen von Weiden sauste, auf dem Weg zur Grundschule, stand mein eigenes Rad in einem Schuppen in einem kleinen Bergdorf irgendwo auf dem Balkan. Die steilen Pfade des Dorfes waren für Fußgänger und Eselkarren. Ein Fahrrad, auch wenn es, wie meines, ein Rad der berühmten Marke „Balkanche“ war, konnte unter diesen Umständen niemals ein Transportmittel sein. Es hatte seinen Nutzen – um Hühner auf dem Hinterhof zu jagen, oder Staubwolken auf den ungeteerten Wegen zwischen den Gärten aufzuwirbeln. Aber niemand wäre so verrückt gewesen, von dem Hügel mit der Kirche die Serpentinen bergab zum Tante-Emma-Laden und zur Dorfkneipe zu radeln – geschweige denn zurück! Als ich dann in die flachere, radfreundlicherer Hauptstadt zog, war mein Rad ein Opfer des Rosts geworden.

Mein nächster Versuch, die zwei Räder zu zähmen, kam Jahre später, als ich als Auslandsstudentin in Peking lebte. Man kennt die Bilder aus dem Peking der frühen 1990er: Das endlose Meer der Radfahrer, die die Straße des Ewigen Friedens hinunter schwimmen, kein Auto und kein Bus in Sicht! Gäbe es einen besseren Platz, Radfahren zu lernen, als in der „Fahrradhauptstadt der Welt“? Das dachte ich mir, als ich selbstbewusst die ruhigen Alleen des Universitätscampus entlang radelte. Bis ich eines Tages die Campusmauern hinter mir ließ, um zu einer Verabredung an der Peking Universität einige Kilometer entfernt zu radeln.

Sobald ich die Hauptstraße mit dem Straßenmarkt erreichte, war ich in einem Strudel von Radfahrern, Fußgängern, Autos, Bussen und Handkarren gefangen. Ellbogen von links, Geschiebe von recht, bis ich schließlich mit zitternden Knien auf den Bürgersteig gespuckt wurde. Zu meiner Verabredung habe ich es nie geschafft.

Vielleicht war dies auch Schicksal. Ein paar Tage später tauchte Volker in meinem Leben auf und damit begann Kausalitätsreihe, die mich schließlich auf den hinteren Sitz eines Tandem beförderte.

Die Jahre vergingen, und ich wurde Berlinerin. Für mich schien die Stadt ein Radparadies! Weihnachten bekam ich ein eigenes Rad. Aber die Peking-Erfahrung saß zu tief, als dass ich furchtlos durch den Berliner Verkehr navigieren konnte. Das war der Moment, an dem die Idee mit dem Tandem langsam Gestalt annahm. Und was für eine Idee! Das Tandem nicht nur als Stadtvehikel, sondern auch als das Gefährt, gemeinsam die große weite Welt zu entdecken! Schneller als ein Fußgänger zu sein, aber langsam genug, die Entfernung zu erfahren. Die erste mentale Radstrecke führte von Berlin über den Balkan und dann weiter ostwärts, entlang von Karawanenrouten, durch weite Wüsten und Steppen, über Berge, in denen mystische Königreiche lagen, bis zum Ostchinesischen Meer. Doch bevor wir es schafften, unser Tandem zu kaufen, wurde Sarah geboren. Also mussten wir umplanen. Wir kauften das Tandem und einen Anhänger, der, obwohl gemütlich und groß genug für unser kleines Mädchen, das Familiengesamtgewicht deutlich erhöhte. Ich musste zugeben, dass die Berge Usbekistans und die Steppen Kasachstans, so reizvoll diese schienen, nicht der beste Platz für ein Kleinkind waren. Eine kürzere und kinderfreundlichere Route wurde geplant: Von Peking nach Singapur. Doch dann wurde Nora geboren. Und wir mussten unsere Reiseplanungen ein weiteres Mal umstellen. Mit der erneuten Zunahme des Familiengesamtgewichtes und der Verringerung des Durchschnittsalters der Teilnehmenden, verkürzten wir die Route ein weiteres Mal. So wurde die dramatische Karstlandschaft Südthailands mit der Ostchinesischen Ebene mit den sie durchziehenden Kanälen ersetzt.

Was einst als wager Traum began, wird nun bald Wirklichkeit, wenn auch weniger ambitioniert. Als unser Abreisetermin, der 1. April 2015 konkreter und konkreter wurde, kam bei mir langsam Panik auf. Volker verbringt die Wochenenden auf der Couch, zugedeckt von Landkarten und Reiseführern, auf der Suche nach versteckten Nebenstraßen, Entfernungen, Höhen und Steigungen ausmessend. Mit strahlenden Augen erzählt er mir von historischen Wasserstädten am Kaiserkanal, daoitischen Tempeln auf heiligen Bergen. Er spricht von Tempeln, aber alles was ich sehe, ist eine uns umgebende Wand von auf uns gerichteten Kameras, Mobiltelefonen und IPads. Er stellt sich den heiligen Berg Tai vor – ich sehe uns unser schwergewichtiges Gefährt endlose Serpentinen hochschieben. Er träumt davon, den Kindern die Wunder der Welt zu zeigen – doch alles, was ich höre, ist das konstante Jammern der Kinder von hinten: “Wann sind wir endlich da?”

Dann, eines Morgens, während wir uns zwischen Autos, Bussen und Touristen über den Potsdamer Platz lavieren, kommt mir ein weiterer Gedanke. Wir werden durch Shanghai radeln! Und Qingdao! Und Peking! Und durch unzählige Metropolen und Städte, die ein kleiner Punkt auf der Landkarte sind, aber in der Realität mehr als einer Million Einwohner haben, mit der entsprechenden Menge an Autos, Bussen und Abgasen. Und das ohne Radwege oder Verkehrsregeln! Es ist hart genug, in den Massen, die die Innenstadt von Shanghai überfluten, ein Fußgänger zu sein. Wie könnten wir es um alles in der Welt schaffen, mit unserem überlangen Gefährt, zum Beispiel in die Nanjing Road abzubiegen? “Ich habe eine Idee, mein Liebster!“, schreie ich durch den Verkehrslärm. „Lass uns die Tandemfahrten auf dem Land genießen, und wenn wir uns einer Stadt nähern, nehme ich die Kinder und das Gepäck in ein Auto und Du fährst das Tandem alleine zum Hotel.“

Volker meint nicht, dass meine Bemerkung eine Antwort verdient hätte. Er scheint nur einmal tief einzuatmen. Ok, das ist es dann – wir werden einige anspruchsvolle Stadtfahrten vor uns haben.

Eines Tages kommen dann unsere Taschen an. Vier schicke, rote, wasserdichte Radtaschen, jede mit einer zusätzlichen Außentasche. Ich bewundere sie, bis mich etwas, das Volker sagt, aufhorchen lässt.

„Eine Tasche für jeden!“

Wie? Auf keinen Fall! Vielleicht kann ich mich daran gewöhnen, leicht zu reisen, aber die Kinder? Fangen wir mit dem Essentiellen an, der Notfalltasche: Sonnencreme, Moskitoschutz, Creme gegen Sonnenbrand, Gel gegen Insektenbisse, Mikroflora, Fieberzäpchen, Beruhigungszäpchen, Globuli gegen Infektionen, Globuli gegen Fieber, Verletzungen, Bienenstiche, Mückenstiche, Sonnenstich, Heimweh…

Erwähnte ich die Wundermittel für die Kinder? Die rosa Pflaster mit den Prinzessinnen, die großzügig auf jede kleine Verletzung geklebt werden und gelegentlich auch als Modeaccessoir dienen? Selbst wenn ich Flasche mit dem pflanzlichen Hustensaft und die Tropfen gegen Mittelohrentzündung zuhause lasse, die uns treu auf allen Reisen begleitet haben, macht das dennoch einen ziemlichen Batzen aus. Und wenn Sarah auf Reisen geht, muss ihre Puppe Liza mitkommen. Und wenn Liza mit von der Party ist, dann kann Nora’s Puppenbaby nicht zuhause bleiben!

Und was ist mit Kleidung? Aprilwetter ist Aprilwetter, auch in China! Regenjacken, Regenhosen, Fleece-Jacken, dicke Leggings, dünne Leggings, Halbschuhe, Sandalen.

Radfahrmode erscheint zwei modebewussten kleinen Mädchen in der Prinzessinnenphase nicht besondern anziehend. Funktionskleidung können wir also vergessen und ein paar lange Kleider mit Blumenmuster einpacken. Nicht zu vergessen die Lillifee-Spangen und die rosa Sonnenbrillen.

Und wo findet das Werkzeug, die Ersatzteile und die Elektronik ihren Platz?

“Balkan!” ist alles, was Volker sagt. Wir sind ziemliche Umstandskrämer in Südosteuropa!

2 Comments:

  1. Ihr Lieben,

    Mit Schmunzeln haben wir den Text gelesen.
    Zu Captain und Stoker können wir (Kerstin) Deinen Bemerkungen nur zustimmen, ganz meinerseits!
    Selbst, als Captain (Dieter) sehe ich die Sache natürlich genau entgegengesetzt, ich stimme Volker natürlich voll zu!
    Der weitere Teil ist toll geschrieben und macht viel Spaß, zu lesen!
    Alles Gute zu Eurer abenteuerlichen Reise (aus unserer Sicht)

    Dieter und Kerstin

    • Hallo Ihr beiden!

      Danke für die Blumen, die Vorfreude wächst! Vielleicht vor der Abreise noch mal bei Athena!
      Liebe Grüße,
      Zornica und Volker

Schreibe einen Kommentar zu Dieter Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.